Landschaftsmalerei
im 21. Jahrhundert
Die überraschende Aktualität der Romantik
Die
moderne Landschaftsmalerei nahm ihren Ursprung nicht in
einer Kunstakademie, sondern im Dialog zwischen Philosophie und
Literatur. Der
erste moderne Landschaftsmaler, Caspar David Friedrich, war als
Akademieabsolvent ein zweitrangiger Maler und Grafiker, bevor er mit
der
Philosophie des Deutschen Idealismus und der romantischen Literatur
vertraut
wurde.
Sein
wahrscheinlich bestes Bild, „Der Mönch am Meer“, ist
Produkt dieser Auseinandersetzung und weist zugleich über sie
hinaus. Das Werk,
in dem die Landschaft als geistiger Innenraum behandelt wird, ist der
Beginn
der Moderne in der Malerei.
Hat
diese Epoche ein Ende gefunden? Wenn ja, wann?
Mit
der Schellingschen Naturphilosophie können heute,
konnten schon Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch wenige etwas
anfangen;
bereits Heine sprach mit der geläufigen Spottbezeichnung
„Konfusius“ sein –
vermutlich ehrlich empfundenes – Unbehagen aus. Auch die Debatte um
Friedrichs
„Tetschener Altar“ interessiert praktisch nur noch Historiker.
Friedrichs Werk
selbst hingegen erweist sich – nach einer aus historischer Sicht eher
kurzen
Phase des Vergessens – als langlebig, befruchtend für Maler,
später selbst Fotografen,
und zugleich erstaunlich populär. Daran ändert auch die
gelegentliche, meist
polemisch geführte Auseinandersetzung um die nationalromantischen
Anliegen des
Künstlers nichts.
Ist
das fortdauernde Interesse an Friedrichs Werk Ausdruck
rückwärtsgewandter Sehnsüchte?
Anders
als viele seiner Zeitgenossen präsentiert Friedrich
keine heile Welt, keine heile Psyche, die Natur selbst erscheint zwar
aus
heutiger Sicht ökologisch intakt, aber dennoch (oder deswegen)
keineswegs
anheimelnd. Selbst eine Ölpest auf dem Meer, auf das der
Mönch blickt, würde
den Gehalt des Bildes zwar verändern, aber nicht umkehren,
karikieren oder
zerstören. Ähnliches gilt für andere Werke des Malers.
Würde ein
Hollywoodregisseur das „Eismeer“ in einem Reißer über eine
Klimakatastrophe
zitieren, es würde Zuschauern, die das Bild nicht kennen, gar
nicht oder aber
positiv, als gute Fotografie, auffallen.
Der
Umstand, dass der Mensch in den mehr als 150 Jahren seit
der Hochromantik eine Naturbeherrschungsmaschinerie aufgebaut hat, die
uns
längst wiederum selbst bedroht, macht die vorindustrielle
Auseinandersetzung
mit der Natur jenseits ihrer zeitlichen Verwurzelung in philosophischer
Spekulation unerwartet aktuell.
William
Turner und das 20. Jahrhundert
Kaum
ein Maler hat sein Genre so revolutioniert wie Turner.
Er war vielleicht avantgardistischer als die später so genannte
Avantgarde,
denn er ging seinen Weg allein. Muss jeder Maler, der sich auf ihn
beruft,
ebenso radikal sein? Zweifellos nicht, denn sonst wäre der gesamte
Impressionismus
illegitim, sah sich doch selbst der progressivste unter ihnen, Claude
Monet,
gezwungen, durch eine vordergründige Kritik an dem Engländer
dessen so
offenkundigen Einfluss auf seine Malerei zu überspielen.
Ein
Maler, der Turner kopiert, kopiert zwar nicht die Natur,
handelt aber nicht notwendigerweise unoriginell. Originell sein,
heißt nicht
unbedingt neu und „so ganz anders“ sein, sondern methodisch
grundehrlich
vorzugehen. Wer das Licht Turners, die Farbenrelationen Monets, die
Raumbehandlung
Vieira da Silvas als die seinigen wiederzuerkennen glaubt und sich auf
sie
beruft, handelt integer. Unoriginell arbeitet hingegen derjenige, der
aus Versatzstücken in
quasi ökonomischer Berechnung etwas in dieser Form noch nicht
Dagewesenes, aber
Belangloses rekombiniert.
So wie
Monet bei Turner die Bedeutung der Latenz des
Unbestimmten lernte, so haben die Expressionisten bei Monet die
Bedeutung der
reinen Farbe gelernt, noch die Bildfassaden Mark Rothkos können
wie gigantische
Ausschnittvergrößerungen von Monets Heuhaufen gesehen werden.
Die
Trivialisierung, ja Verramschung dieser Ausdrucksformen
in der späteren Massen- und Hotelkunst baut dem heutigen
bildnerischen Schaffen
indessen Hürden in den Weg, die es zu nehmen gilt. Das
kritisch-adaptierende
Aufarbeiten der Sujets und Methoden der Moderne vor der Moderne,
namentlich der
Romantik, vor dem Hintergrund des Bewußtseins einer sich mit
ungebremster
Rasanz verändernden Welt kann die schwierige, aber nicht
unlösbare Aufgabe
einer Landschaftsmalerei im 21. Jahrhundert ausmachen.
Dirk
Müller M. A.
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